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Osterfreuden

"Hey, Hase, ich komme heute später." Lucians Stimme klang traurig, vielleicht sogar ein wenig enttäuschter, als Melanie sich fühlte.

Sie seufzte und öffnete die Augen. "Natürlich."

Inzwischen kannte sie das Spielchen. Seit Melanies Mann vor etwa eineinhalb Jahren die Stelle gewechselt hatte, verdiente er zwar etwas mehr, aber sein neuer Chef forderte dafür auch einiges mehr. Dabei war heute Ostersamstag - Zeit für die Familie, zum Eier anmalen und sich Verstecke für die Osterhasen der Kinder ausdenken.

Wie schon letztes Mal blieb heuer wohl alles an Melanie hängen.

Lucian seufzte. "Ich liebe dich, Hase." Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: "Wirklich."

Melanie lächelte. Das wusste sie, sie sah es jeden Tag in seinen Augen. "Ich dich auch, Schnuckelbär."

Ja, es war ein komischer Kosename für einen Mann, aber er passte so unglaublich gut zum blonden Supersportler. Okay, das war übertrieben, aber wenn er den Bauch anspannte, sah man wenigstens noch den Ansatz eines Sixpacks.

Bei Melanie selber gab es nichts ausser Schwangerschaftsstreifen und Schwabbelbauch.

Sie beendete das Telefonat. Es half ja doch nichts. Jetzt war es an ihr, das Chaos bis morgen aufzuräumen, mit den Mädchen Eier anzumalen und dann die ganze Küche noch einmal zu putzen.

 

Im Fernseher lief irgendein Barbie-Märchen. Meine Güte, Melanie war dreiunddreissig Jahre alt, hielt ein mit Rotwein gefülltes Glas in der Hand und guckte einen Kinderfilm, der kitschiger nicht sein könnte. Feen zauberten Glitzer auf Kleider, plötzlich sassen die Haare noch ein wenig besser. Und es war einfach unglaublich, wie gut junge Mädchen in Schuhen laufen konnten, die bei ihr schon zu einem überdehnten Knöchel führten, wenn sie die nur ansah. Also müsste sie eigentlich weiterzappen.

Aber dafür war sie zu erschöpft. Für einen Schluck Wein reichte die Energie dann aber doch. Es war schon nach neun Uhr, die Mädchen schliefen, aber Lucian blieb dem Zuhause noch immer fern.

Manchmal, wenn sie in einem ganz grossen Tief sass und sich selbst betrauerte, fragte sie sich, ob ihr Mann eine andere hatte. Heute war es wieder einmal soweit. Unter ihrem viel zu weiten Pyjama ragte ein bisschen Bauch hervor, zeigte das, was die schönsten - und anstrengendsten - Engel der Welt gekostet hatten: Ihre Figur, ihre Weiblichkeit.

Ein Schluck Wein konnte nicht noch mehr schaden.

Die Tür ging, rasch schaltete Melanie auf einen anderen Kanal. N24. Toll, der war auch nicht besser. Also machte sie den Fernseher ganz aus.

"Hey, Hase", begrüsste Lucian sie mit seiner warmen, weichen Stimme, auch wenn er erschöpft klang. "Ich habe dir was mitgebracht." Er kam um die Ecke und hielt eine Flasche Rotwein in die Höhe, hielt inne und lächelte dann. "Was bin ich froh, eine so eigenständige Frau zu haben."

Er holte sich selbst ein Glas und liess sich neben ihr in die weiche Couch fallen. "Hast du eine andere?", fragte Melanie ohne Vorwarnung, als sie ihm vom Wein einschenkte. Sie glaubte es ja selbst nicht, aber ihr war die Frage einfach herausgerutscht.

Lucian spannte sich etwas an, dann stellte er das Glas auf den Sofatisch und umarmte sie. "Komm, wir gehen gemeinsam duschen. Und dann zeige ich, was ich alles an dir liebe - angefangen mit deinem wunderschönen Lächeln, dann den sinnlichen Bauch, der mir zwei tolle Kinder geschenkt hat. Und irgendwann nehme ich die da", er strich über Melanies Busen, "und zwirble sie, bis du alles andere vergisst."

Melanie schloss die Augen. Ja, genau das hatte sie gebraucht. "Ok", schnurrte sie.

 

Wasser prasselte auf ihre Haut, während Lucian sie verwöhnte.

Als die Tür zum Badezimmer aufging, entwich Melanie ein Stöhnen. Sie schloss die Augen, aber nicht mehr vor Lust. Dabei war doch der Tag schon anstrengende gewesen mit den beiden, vor allem, weil sie gedacht hatte, dass ihr Mann ihr unter die Arme greifen konnte. "Julia, was ist denn los?"

Die Zweijährige stand mit ihrem Kuschelbären gerade noch so im Lichtkegel und beobachtete ihre Eltern ganz genau. "Mama ok?"

Verdammt, war Melanie mal wieder zu laut gewesen? Sie küsste Lucian auf den Mund und murmelte: "Irgendwann schreibe ich ein Buch. Aus dem Leben und Leiden einer Mutter. Darin werde ich die Unmöglichkeit von Geschwistern diskutieren."

 

"Ach du Scheisse!", fluchte Melanie, als sie sich frühmorgens im Spiegel sah. Irgendwie konnte sie nicht so recht glauben, dass es draussen schon hell war, aber leider war es das. Also konnte sie Ella auch nicht mehr ins Bett schicken.

Die Sechsjährige meinte auch laut aus dem Wohnzimmer: "Mama, man flucht nicht."

Melanie biss sich selbst auf die Lippen. Na, sie war mal wieder ein gutes Vorbild. Wie hatten ihre Eltern es eigentlich geschafft, den Eindruck von perfekten Leuten zu erwecken, während sie jeden Tag scheiterte?

Nach etlichen Versuchen - am Ende hatte nur der enge Haargummi geholfen, die unordentliche Mähne zu bändigen - verliess Melanie das Bad und ging in die Küche.

Der Kühlschrank war leer. Dabei hatte sie doch erst am Donnerstag noch eingekauft. "Verdammte Scheisse!"

"Mama!"

Ella hatte Recht, sie sollte deutlich weniger fluchen.

"Komm endlich." Gekicher folgte.

Melanie runzelte die Stirn. Normalerweise hiess das, dass die Mädchen etwas angestellt hatten. Neugierig trat sie in das Wohnzimmer mit dem Esstisch und blieb überrascht unter dem Türrahmen stehen.

Der Tisch war reich gedeckt, Kerzen brannten, Brötchen, Butter und Eier warteten darauf, gegessen zu werden. Es war zu viel, viel zu viel. Alle wussten, wie sehr Melanie Resten hasste. Aber heute trieb ihr der Stolz und die Freude der Jungmannschaft und Lucian Tränen in die Augen. Sie hatten sich so viel Mühe gegeben, waren schon seit einiger Zeit wach, nur um ihr diesen speziellen Morgen zu ermöglichen.

"Danke", hauchte Melanie. Sogar Rosen verströmten einen betörenden Duft. Sie schluckte ergriffen.

Lucian trat zu ihr und küsste sie auf den Hals, genau dort, wo sie es so sehr liebte. "Ich habe auch eine kleine Überraschung. Mein Chef hat zu kurzfristigen Ferien eingewilligt. Kommende Woche habe ich frei und du kannst jeden Tag so lange schlafen, wie du willst."

Melanie starrte ihn fassungslos an. "Dein Chef?"

Lucian nickte stolz.

"Und du willst mit den beiden aufstehen, jeden Tag?"

Er zeigte sein spitzbübisches Grinsen. "Nicht ganz. Ich habe mir erlaubt, mit den Paten von Ella zu sprechen. Sie werden die beiden morgen Abend abholen." Lucian kam etwas näher. "Und dann werde ich dir zeigen, dass ich keine andere habe."

Melanie strahlte. "Danke, ihr seid die besten!"

So musste sich ein perfekter Osterbrunch anfühlen.

 

Lucian lehnte sich erschöpft im Sofa zurück, in seiner Hand war ein Glas Rotwein. Er warf Melanie einen anerkennenden Blick zu, ehe er einen grossen Schluck trank. "Unglaublich, die du das alles schaffst. Ich bin froh, kann ich morgen wieder arbeiten gehen. Egal, wie stressig, im Gegensatz zur Aufgabe, Kinder aufzuziehen, ist es ein Klecks." Er machte eine kurze Pause. "Danke, mein Engel, dass du so bist, wie du bist." <3

 

 

Dieses Mal gibt es kein Gewinnspiel, einfach eine kleine Geschichte. Wollt ihr noch mehr? ;-) Hier gibt es ein paar Autoren, die sich auch zum Osterspecial wieder etwas überlegt haben:

www.autoren-adventskalender.de 

Da findet ihr übrigens auch die Links zu den Adventsgeschichten noch! :-D Meine ist hier zu finden: Weihnachtliche Vorfreude